Thieles Rede zum Handgiftentag

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Grünberg,

zunächst meinen herzlichen Glückwunsch zur Mösermedaille an Herrn Grünberg:
Jüdisches Leben in Osnabrück in Augenhöhe mit allen anderen Glaubensgemeinschaften zu leben und ermöglichen, ist Zeichen einer gelebten Demokratie! Ich danke insbesondere für die klare und eindeutige Haltung gegen die Rechtsradikalen und deren Zuwachs, der keinen in Deutschland kalt lassen darf. Danke für Ihre Arbeit!
Wenn ich mit Menschen spreche - und ich spreche beruflich mit sehr vielen - höre ich oft Sorge und Resignation. Die Energiekosten und Inflation belasten die Haushalte, die Renten sind unsicher, und natürlich haben die Menschen Angst vor Krieg - und viele fragen sich: 
Wo führt das alles hin? 
Auch ich mache mir große Sorgen, denn diese Stimmung ist verständlich. Sie ist auch gefährlich. 
Denn Pessimismus verhindert nicht nur Innovationen und raubt uns Kraft, sondern lässt Menschen empfänglich werden für einfache Parolen gegen den Staat, die Demokratie und Menschen – 
Er bedient ein Ressentiment gegen „den Ausländer“. Hatten wir alles schon mal…
Wer darüber schwadroniert, wer dieses Land verlassen soll, muss sich wie bei der Diskussion über das „Stadtbild“ klar machen, was er auslöst: Ich habe Zweifel, ob diesen Brandstiftern klar ist, was sie da machen.
Und noch weiter geschaut…:
Die weltweiten Konflikte, die wirtschaftliche Instabilität durch Pandemie und Krieg, die Neuausrichtung unserer Energieversorgung sind enorme Herausforderungen.
Und wenn ich über die großen Sorgen spreche, dann besorgt mich das, was wir in Venezuela erleben, zutiefst. Besonders die Art des Vorgehens der USA erschüttert mich. Wir erleben gerade nicht zum ersten Mal, wie das Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts ersetzt. 
Da stellt sich die Frage, was wird aus Grönland, Taiwan oder der Ukraine? Kommen wir wieder im Mittelalter an oder wie sind diese Entwicklungen zu deuten?
Wie wollen wir damit umgehen? Verharren wir jetzt in Angststarre oder wollen wir unsere Demokratie stärken und uns zukunftssicher aufstellen?
Deutschland war immer dann stark, wenn es mutig nach vorne geschaut hat, wenn die Bürgerinnen und Bürger Eigenverantwortung übernommen haben und wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen hat.
Und was heißt das heute für uns, hier vor Ort?
Osnabrück hat viel Potenzial. Wir haben kreative Unternehmen, engagierte Menschen und eine lebendige Zivilgesellschaft. Diesen Akteuren müssen wir mehr Freiraum geben. Wir müssen weniger regulieren und mehr ermöglichen. Wir müssen aufhören, mit mehr Bürokratie und Bedenkenträgerei Fortschritt zu verhindern. Optimismus entsteht dort, wo Menschen erleben, dass sie selbst etwas bewegen können. 
Vertrauen entsteht durch Ehrlichkeit und nicht durch Schönfärberei. Dazu gehört auch Ehrlichkeit im Umgang mit dem Geld bzw. den Schulden.
In unserer Stadt spüren wir deutlich den selbst gemachten finanziellen Druck. Steigende Sozialausgaben, notwendige Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz bei wegbrechenden Finanzen bedeuten, dass es keinen finanziellen Spielraum mehr gibt. 
Bis 2030 wird Osnabrück einen Schuldenberg von einer Milliarde Euro stemmen müssen. Nachhaltigkeit hat auch damit zu tun, welche Zinslast auf uns zukommt. Wahlgeschenke und „Augen zu und durch“ sind sicher die falschen Parolen. Unsere Vorschläge lagen und liegen immer wieder auf dem Tisch.
Dieses Kommunalwahljahr wirft schon seine Schatten voraus: Bitte zeigt, dass wir mehr draufhaben als das übliche Klein-Klein.
Danken möchte ich allen, die demokratischen Mut beweisen, auch bei uns im Rat! Besonders möchte ich mich bei Wulf-Siegmar Mierke für die konstruktive Zusammenarbeit in den letzten Jahren bedanken.
Kämpfen wir gemeinsam für die Demokratie und gegen die, die diese zerstören wollen. 
Auf ein zuversichtliches 2026: Prost!